Antiautoritärer Sozialismus

Chronik der Ereignisse in der Region Magdeburg

Vorgeschichte(bis 1878)

1839

In Magdeburg existiert eine Filiale des "Bundes der Gerechten".

1844

Streik der Magdeburger Zuckerfabrikarbeiter gegen Lohnkürzungen, der "erste bedeutende Aktion der Magdeburger Arbeiter". (Asmus)

1847

Nachweis der Existenz einer Gruppe des "Bundes der Kommunisten" in Magdeburg.

1863

Gründung des Magdeburger Arbeiterbildungsvereins auf Initiative von Johann Münze.

12. März 1864

Gründung des Konsumvereins Magdeburg-Neustadt ("Assoziation zur Anschaffung nötiger Lebensbedürfnisse zu Neustadt Magdeburg")

15. Oktober 1864

Gründung einer Filiale des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) in Magdeburg.

14. November 1864

Gründung eines Arbeiterbildungsvereines in Buckau.

1865

Schließung der Magdeburger "Gemeinde" des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins wegen einer vermeintlichen Verbindung mit anderen politischen Vereinen.

Frühjahr 1866

Formierung einer Sektion der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA) in Magdeburg Initiative von Johann Münze.

Juli 1868

Gründung des "Sozialen Reformvereins" in Magdeburg.

Dezember 1868

Gründung von Gewerkschaften der Holz-, Metall-, Hand- und Fabrikarbeiter, Zimmerer und Maurer unter dem Einfluss des Reformvereins.

1. März 1869

Der Soziale Reformverein wird Mitglied des ADAV (Lassalleaner).

22. Juni  1869

Treffen zwischen Bebel, Liebknecht, Bracke, Yorck, Spier und Bremer in einem Gasthaus in der Nähe des Magdeburger Hauptbahnhofes, auf dem die Vereinigung von ADAV und IAA vorbereitet und dann auf dem Eisenacher Parteitag am 8. August 1869 vollzogen wurde.

6. September 1869

Gründung des Sozial-Demokratischen Arbeiter Vereins (Sektion der SDAP) in Magdeburg mit Bremer als erstem Vorsitzenden.

24. April  1871

Auflösung des ADAV in Magdeburg

27. Dezember 1873

Auflösung des Sozial-Demokratischen Arbeiter Vereins

24. April  1876

Gründung des "Sozialistischen Wahlvereins"

1. September 1876

Gründung der sozialdemokratischen "Magdeburger Freien Presse".

11. Mai  1878

Attentat Hödels auf Kaiser Wilhelm I. in Berlin.

2. Juni  1878

Attentat Nobilings auf Kaiser Wilhelm I. in Berlin.

10. Juni  1878

Einberufung des Ersten Deutschen Gewerkschaftskongresses nach Magdeburg, der aber unter dem Eindruck der Attentate auf den Kaiser nicht stattfand.

20. Oktober 1878

Selbstauflösung des "Sozialistischen Wahlvereins", die "Magdeburger Freie Presse" wird eingestellt.

22. Oktober 1878

Das "Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" ("Sozialistengesetz") tritt in Kraft. Sämtliche Arbeitervereine in Magdeburg lösen sich auf oder werden verboten.

Anfänge (1879 bis 1887)

Sommer 1879

Die ersten Exemplare der "Freiheit" werden in Magdeburg verbreitet.

23. April  1881

6 Magdeburger werden wegen Verbreitung der "Freiheit" mit je einem Monat Gefängnis bestraft.

Frühjahr 1882

Reorganisation der Magdeburger Sozialdemokratie: 10 neue Bezirksführer gewählt

Jahreswechsel 1882/83

Zahlreiche Versammlungsverbote von Arbeiterversammlungen wegen des Auftretens von Sozialdemokraten

August 1883

Der zuvor aus Berlin ausgewiesene Schuhmacher Krause lässt sich in Buckau nieder.

Dezember 1883

Massenhafte Verbreitung des "Rebell" in Magdeburg durch die Anarchisten um Krause.

Pfingsten 1884

Zusammenkunft von Anarchisten aus Magdeburg und Berlin in Brandenburg.

11. November 1884

Der Hutmacher August Heine aus Halberstadt wird mit 12.301 Stimmen zum ersten sozialdemokratischen Abgeordneten des Wahlkreises Magdeburg gewählt.

28. November 1884

Gründung des "Fachvereins für sämtliche Berufsgruppen von Groß Ottersleben und Umgegend"

Jahreswechsel 1884/85

div. anarchistische Gruppengründungen in Magdeburg

Anfang 1885

Spaltung der Magdeburger Partei in die Organisationen I (Gemäßigte) und II (Radikale).

Ostern 1885

Zusammenkunft in Brandenburg auf Einladung von Krause. Beratung über die Herausgabe einer "Zeitung im Mostschen Sinne" in Deutschland.

26. April 1885

Gründung der "Magdeburger Gerichts-Zeitung" durch Karl Schneidt

24.-26. Mai  1885

3. Handwerkertag des Zimmererverbandes tagt in Magdeburg, dem "Hauptsitz der radikalen Opposition".

Nacht vom 13. zum 14. Juni  1885

"Exzesse" in Groß Ottersleben, Widerstand und tätliche Angriffe gegen Beamte bei Auflösung einer Versammlung des Fachvereins.

1. Juli 1885

Gründung der Monatsschrift "Die deutschen Volksblätter" in Magdeburg durch Karl Schneidt

Dezember 1885

Gründung des "Volksblatt. Organ für das werktätige Volk Sachsen Anhalts" (defacto Organ der Sozialdemokratischen Partei)

21. September 1886

Eine Kiste mit revolutionären Druckschriften und diversen Chemikalien in Magdeburg-Sudenburg eingetroffen. Verhaftung von Drichel und Genossen (Krause, Dienemann, Brandt und Wille wurden nach einer Woche wieder freigelassen).

6. November 1886

Buckauer Sozialistenverhaftungen (Köster, Habermann und Genossen, insgesamt 18 Haussuchungen in Groß Ottersleben, Benneckenbeck, Lemsdorf, Salbke, Buckau)

18. Januar 1887

Verurteilung Drichels vor dem Schwurgericht Magdeburg zu 5 Jahren und 2 Monaten Zuchthaus

7. Februar 1887

Verhaftung von 36 führenden Magdeburger Sozialdemokraten

9. Februar 1887

Urteilsspruch im Verfahren gegen Köster, Habermann und Genossen: Köster 1,5 Jahren Gefängnis, Jensch und Meurer je 9 Monate und Günther 8 Monate Gefängnis, weitere Haftstrafen zwischen 2 Wochen und 2 Monaten.

11. Februar 1887

weitere 10 Sozialdemokraten werden verhaftet

21. Februar 1887

Verhaftung von John Neve in Lüttich

10. Mai  1887

Magdeburger "Anarchistenprozess" gegen Krause, Dienemann, Brandt, Wille und Jensch wegen angeblicher Unterstützung Drichels und Verbreitung verbotener Druckschriften.

16./17. Mai  1887

Magdeburger Geheimbundprozess gegen 46 Sozialdemokraten

10. Oktober 1887

Prozess gegen Neve vor dem Reichsgericht in Leipzig

   

Bewegung der Jungen (1888-1891)

1887

Nach dem Geheimbundprozess kommt es zur endgültigen Abspaltung der Magdeburger radikalen Sozialdemokraten.

21. Oktober 1888

Anlässlich des 10. Jahrestages des Sozialistengesetzes wurde ein rotes Transparent mit der Aufschrift "Zur Erinnerung an den 21. Oktober 1878. Hoch lebe die Sozialdemokratie!" am Breiten Weg in Magdeburg an einem Telefondraht aufgehängt. Auch in Olvenstedt und Ottersleben kam es zu derartigen Aktionen.

19.-21. November 1888

Stadtverordneten-Wahlen in Magdeburg

Ende 1888

Bildung eines neuen Leitungs- und Agitations-Comités der Sozialdemokraten Magdeburgs, das sich vor allem aus führenden Genossen der Fachvereine zusammensetzt.

1. Januar 1889

Verteilungsaktion eines Flugblattes "An das arbeitende Volk von Magdeburg und Umgebung" in Magdeburg.

27. Januar 1889

Anlässlich des Kaisergeburtstages wurde in Magdeburg eine große rote Fahne aufgehängt.

19. Februar 1889

Gründung des "Vereins zur Förderung des Volkswohls und volkstümlicher Wahlen" als Organisation der Magdeburger Sozialdemokratie. Der Verein entfaltet in den Folgemonaten eine rege Agitation und erzeugt damit – so die Polizei – "eine derartige Gärung, dass der leidenschaftliche Hass gegen die bestehende Ordnung und deren Wächter bei jeder Gelegenheit in Widersetzlichkeit und tätlichen Angriffen sich Luft zu machen sucht."

2. März 1889

Zweiter Magdeburger Geheimbundprozess gegen fünf Sozialdemokraten wegen "Teilnahme an einer Verbindung". Hauptanklagepunkt war die Verteilung eines Neujahrsflugblattes. Die Angeklagten (Zigarrenmacher Friese, Klempner Neidt, Maurer Thie, Arbeiter Mathias und Zimmerer Adolf Schultze) wurden zu Haftstrafen mehrmonatigen Haftstrafen verurteilt.

April 1889

Beginn eines Streiks der Magdeburger Töpfer, der in seinen Auswirkungen bis in den Herbst andauert, jedoch mit einer Niederlage endet.

29. April 1889

Ausflug der Magdeburger Schneider unter Gesang von Arbeiterliedern nach Prester.

31. März 1889

Das von Carl Schneidt begründete "Neue Magdeburger Tageblatt" stellt aus finanziellen Gründen sein Erscheinen ein. Laut Polizei hatte das Blatt zum Schluss "seine Tendenz fortgesetzt geändert und war schließlich nichts weiter, als ein Abdruck von radikalfortschrittlichen Preßartikeln".

10. Mai 1889

Anlässlich eines "Pfingstvergnügens", an dem ca. 1000 Magdeburger Sozialdemokraten teilnehmen, kommt es zu "allerhand rohen (…) Ausschreitungen, wie Zerstörung von Büsten Sr. Majestät des Kaisers und Verhöhnung der überwachenden Beamten."

13./14. Mai 1889

Der erste Kongress der Bauarbeitsleute Deutschlands tagt in Magdeburg.

14.-20. Juli 1889

Als Vertreter für die Magdeburger Arbeiter sind auf dem Internationalen Arbeiterkongress in Paris folgende Vertrauensmänner entsandt worden: von Vollmar (München) für die Magdeburger Partei, Bock aus Gotha für die Schuhmacher, Holzhäuser (Braunschweig) für die Schneider, Keßler für die Bauhandwerker, Ewald (Brandenburg) für die Metallarbeiter, Schwarz (Lübeck) für die Former.

30. August 1889

Der Magdeburger "Verein zur Förderung des Volkswohls und volkstümlicher Wahlen" wird auf Basis des Sozialistengesetzes verboten.

6. oder 7. Januar 1890

Auf einer Versammlung im Schlossgarten mit Gustav Keßler wird die Gründung einer "General-Kommission der Arbeiter Magdeburgs" als Dachorganisation der lokalen Fachvereine beschlossen und ein vorläufiges Statut verabschiedet. Kurze Zeit später vereinigt die Kommission ca. 600 Arbeiter aus 17 Branchengewerkschaften. Ihr erstes zentrales Arbeitsfeld werden die Vorbereitungen der Maifeier.

29. Januar 1890

Sozialdemokratische Flugblattverteilaktion in Elbeu.

Anfang 1890

Wahlkampf in Magdeburg. Auf zahlreichen Versammlungen, an denen bis zu 5000 Menschen teilnehmen, treten u. A. zahlreiche magdeburgische und auswärtige Referenten auf. Der sozialdemokratische Kandidat für Magdeburg, Georg von Vollmar, tritt allein in 7 Wahlkundgebungen vor jeweils 3000 bis 5000 Magdeburgern auf.

Februar 1890

Bierboykott gegen die Böhmische Lagerbier-Brauerei zu Krakau wegen Saalverweigerung in Halberstadt.

1. Februar 1890

Arbeiterkrawall in Staßfurt

20. Februar 1890

Bei den Reichstagswahlen erreicht der sozialdemokratische Kandidat für Magdeburg, von Vollmar, mit 17.261 Stimmen die absolute Mehrheit.

März 1890

Metallarbeiter-Streik in der Maschinenfabrik Wolf in Magdeburg-Buckau

März 1890

Ausschreitungen polnischer Erdarbeiter in der Nähe der Kohlengrube Victoria bei Hötensleben

20. März 1890

Bei den Nachwahlen zum Reichstag in Magdeburg, die aufgrund der erfolgreichen Mehrfachkandidatur von Vollmars notwendig geworden waren, konnte der neue Kandidat der Sozialdemokratie, Wilhelm Bock, mit 18.455 Stimmen das Ergebnis noch einmal verbessern und erhielt somit den Sitz für den Wahlkreis Magdeburg.

April 1890

Erster Beleg der Existenz eines "Allgemeinen Arbeitervereins für Sudenburg und Umgegend".

9. April 1890

Die "General-Kommission der Arbeiter Magdeburgs", bestehend aus 16 Gewerkschaften, verabschiedet eine Resolution, in der sie sich "mit dem Vorgehen der Berliner Genossen vollständig einverstanden" erklären und am Beschluss, "den 1. Mai als Feiertag zu begehen" festhalten.

14. April 1890

Auf einer öffentlichen Tischlerversammlung in der "Reichshalle" wird einstimmig beschlossen, den Maifeiertag – ebenso wie die anderen Gewerke auch – durch Arbeitsruhe zu feiern.

17. April 1890

Auf einer Versammlung im Concordia-Theater kommt es zu einer erregten Debatte über den Beschluss des Parteivorstandes zum 1. Mai. Bei der ersten Abstimmung, ob am 1. Mai in Magdeburg gestreikt werden solle, wurde dies mehrheitlich bejaht. Daraufhin fordert Bremer erneute Abstimmung, da die Versammelten offensichtlich die Frage nicht verstanden hätten und sich zudem ein Großteil bei der Stimmabgabe enthalten habe. Es kommt zu erneuter Debatte, bis der Versammlungsleiter, Lankau, entscheidet nochmals abstimmen zu lassen. Dieses Mal wird eine Resolution angenommen, in der die Arbeiter Magdeburgs aufgefordert werden, die Maifeier mit Versammlungen und Festlichkeiten zu begehen.

27. April 1890

In einer Versammlung wird der endgültige Beschluss, eine Lokalzeitung ins Leben zu rufen, gefasst. Der Student Hans Müller aus Rostock wurde – nach Vermittlung durch Max Schippel – als verantwortlicher Redakteur gewählt – unter der ausdrücklichen Maßgabe, die Zeitung "von der Fraktion unabhängig zu redigieren".

1. Mai 1890

Der Maifeiertag in Magdeburg geht ohne größere Vorkommnisse über die Bühne. Zwar wurde am ersten Mai auf einigen Bauplätzen und Werkstätten nicht gearbeitet und auch von einigen Arbeitern versucht, ihre Kollegen in anderen Fabriken zur Arbeitsniederlegung zu bewegen, in der Mehrzahl folgten die weitaus meisten Arbeiter den Beschlüssen ihrer Führer bzw. beugten sich den Drohungen der Arbeitgeber. Nur vereinzelt und zumeist erst nach Arbeitsende wurden einige kleinere Versammlungen bzw. Feiern oder Ausflüge abgehalten – die großen Versammlungen waren allesamt von den Behörden verboten worden.

April – September 1890

Töpferstreik in Magdeburg

1. August 1890

Versammlung unter dem Titel "Wie stellt sich die hiesige Volksstimme zur Sozialdemokratie?" im Magdeburger Concordiatheater mit 400 Personen. Von Hans Müller wird eine Erklärung der Redaktion zur Auseinandersetzung mit Bebel und Liebknecht verlesen. Es folgt eine mehrstündige, heftige Diskussion. Es werden zwei Anträge pro und kontra die Redaktion eingebracht. Schließlich wird die Diskussion ohne Ergebnis bis zu einer Versammlung, zu der Bebel eingeladen wird, vertagt, und bis dahin der Redaktion das Vertrauen ausgesprochen.

4. August 1890

Gründung des "Vereins zur Förderung der materiellen und geistigen Lage der Arbeiter Neustadts" in der "Deutschen Fahne", auf Initiative von Hans Müller und Wilhelm Lauben. Allerdings zeichnen sich nur 12 der anwesenden 80 Arbeitern in die Mitgliederliste ein.

13. August 1890

Fortsetzung der Versammlung vom 1. August 1890 im Schlossgarten. Vor rund 3000 Zuhörern hielt Bebel hielt eine Rede gegen die Opposition und deren Unterstützung durch die Magdeburger "Volksstimme". Deren Redakteur, Hans Müller, verteidigte die Kritik an den Zuständen in der Partei. Schließlich wurde mit ca. Zweidrittelmehrheit die Resolution Bebels angenommen, in der die Volksstimme aufgefordert wird, jegliche Polemiken gegen die Fraktion einzustellen.

15. August 1890

Die Redaktion der Volksstimme unter Hans Müller und Paul Kampffmeyer tritt aufgrund der verlorenen Abstimmung am 13. August 1890 zurück, verbleiben aber bis die Nachfolger sich gefunden haben, kommissarisch im Amt. Ihnen schließt sich der Geschäftsführer des Verlages, Max Baetge, an. Eine Rücktrittserklärung erscheint in der Magdeburger "Volksstimme".

31. August 1890

Lassalle-Feier des Arbeiter-Bildungs-Vereins "Marx" mit ca. 1000 Teilnehmern in Magdeburg.

1. September 1890

Eine neue Redaktion unter Dr. Lux und Wilhelm Meyer als Verlagsleiter übernimmt die Magdeburger "Volksstimme".

16. September 1890

Versammlung zu "Der Organisationsentwurf und die Stellung der Reichstagsfraktion zu demselben" mit dem Wortführer der Berliner Opposition Wilhelm Werner vor ca. 500 Zuhörern in der "Deutschen Fahne". Die Versammlung schließt sich den Ausführungen des Redners an und kritisiert in einer Resolution, dass "der Organisationsentwurf nicht den Anforderungen eines wahren Sozialdemokraten entspricht und beschließt zu dem in Halle stattfindenden Parteitag einen Mann zu entsenden, der vollständig auf sozialdemokratischen Boden steht." [Quelle]

17. September 1890

Versammlung im Concordia-Theater vor 500-600 Zuhörern mit Wilhelm Werner zum Organisationsentwurf. Schon bei der Bureau-Wahl kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen "Jungen" und "Alten", später zu einem Schlagabtausch zwischen dem Referenten und dem lokalen Führer der "Alten", Julius Bremer. Die Diskussion wird ohne Annahme einer Resolution vertagt. [Quelle]

Oktober 1890

Streik der Magdeburger Holzbildhauer, fünf Mitglieder des Streikkomitees werden auf Grund des § 153 der Gewerbeordnung mit 1-5 Monaten Gefängnis bestraft.

2. Oktober 1890

Fortsetzung der Diskussion um den Entwurf des Organisationsstatuts vom 17. September im Choreum in Buckau vor ca. 400 Zuhörern. Es werden insgesamt sieben Änderungsvorschläge des Textes beschlossen, die vor allem eine Begrenzung der Macht von Fraktion und Parteivorstand zum Ziele haben. Anschließend wird eine Kommission zur Vorbereitung der Delegiertenwahlen zum Parteitag in Halle gewählt.

6. Oktober 1890

Versammlung im Schlossgarten zur Fortsetzung der Statutendiskussion und Wahl der Delegierten zum Parteitag in Halle. Obwohl die Kandidaten der Opposition die Mehrzahl der Stimmen (663:546) erhalten, werden aufgrund der ungünstigen Stimmaufteilung zwei Kandidaten der "gemäßigten" (Bremer und Klees) und nur einer der Opposition (A. Schultze) als Delegierte für Magdeburg gewählt.

12.-18. Oktober 1890

Parteitag der Sozialdemokratie in Halle. Der Magdeburger Delegierte A. Schultze – der einzige oppositionelle Delegierte, der nicht aus Berlin kommt – erklärt den Anschluss der Magdeburger an die Opposition. Jedoch auch der Delegierte für den Wahlkreis Wanzleben, Köster, erklärt sich im Sinne der Opposition gegen die Kontrolle der lokalen Presse durch die Parteileitung.

Bremer hingegen kritisiert die Haltung der Opposition und wirft dem Berliner Oppositionsführer Werner vor, den Streit in Magdeburg im Vorfeld des Parteitages geschürt zu haben. 

25. Oktober 1890

Die Magdeburger Delegierten berichten vor ca. 800 Zuhörern über die Ergebnisse des Parteitages in Halle. Während Bremer die Ergebnisse in uneingeschränkt gutheißt, kritisiert A. Schultze einige Beschlüsse; Klees nimmt ein vermittelnde Position ein. Die Versammlung billigt in einer Resolution die Ergebnisse des Parteitages, wie auch die Kritik Schultzes. Letztere wird schließlich zum Vertrauensmann des Magdeburger Wahlkreises gewählt, der Gemäßigte Lankau zu seinem Stellvertreter.

18. November 1890

Gründung des "Allgemeinen Arbeiterverein Buckau" im "Choreum" unter Leitung von Klees sr. Zum ersten Vorsitzenden wurde Weber gewählt.

18. Dezember 1890

Verbot von 11 Magdeburger Fachvereinen und der Generalkommission wegen Vergehens gegen das Vereinsgesetz.

Anfang Dezember 1890

Bombenanschlag auf das Haus des Amtsvorstehers in Groß Ottersleben. Er verursacht jedoch nur einen kleineren Brand.

Dezember 1890

Polizeiliche Schließung des Magdeburger "Arbeiterinnen-Vereins" wegen politischer Betätigung (Diese war Frauen nach § 8 des preußischen Vereinsgesetzes verboten.)

Dezember 1890

Prozess gegen 35 Gewerkschaftsfunktionäre, die zu Gefängnis- und Geldstrafen verurteilt wurden.

24. Dezember 1890

Abhaltung eines "kommunistischen Weihnachtsfestes" in Magdeburg. Es werden Geschenke an etwa 4000 Arbeiterkinder verteilt.

1890

Bei den Kommunalwahlen in Magdeburg-Buckau wurde erstmals ein sozialdemokratischer Stadtverordneter, Wilhelm Klees, gewählt.

9. Februar 1891

Gründung des "Sozialdemokratischen Vereins für Magdeburg" (Altstadt) auf Initiative von Bremer. Zum Vorsitzenden wurde August Reuter gewählt.

Februar/März 1891

Die Diskussion der Marxschen Kritik am (immer noch gültigen) Gothaer Programm der Sozialdemokratie in der "Magdeburger Zeitung" führt zu heftigen Auseinandersetzungen in der Magdeburger Parteiorganisation.

März 1891

Die Generalversammlung der Zimmerer unterstützt eine Resolution Bringmanns, in dem der Ausschluss des Magdeburger Lokalvereins 1886 bedauert wird und die Ausgeschlossenen aufgefordert werden, dem Verband wieder beizutreten.

18. März 1891

Märzfeier der Arbeitervereine Magdeburgs – mit Ausnahme Buckaus.

29.-30. März 1891

Parteitag des Bezirksvereins Magdeburg und Anhalt in Magdeburg mit 104 Delegierten für 560 Orte. Auf ihm wurde u.a. eine Verstärkung der Agitation auf dem Lande beschlossen.

6. Mai 1891

Behördliche Schließung der Arbeitervereine Magdeburg, Sudenburg, Stadtfeld, Neustadt und Buckau sowie des Vereins aller in der Eisen- und Metall-Industrie beschäftigten Arbeiter Magdeburgs und Umgegend aus Anlass der Vorbereitung einer gemeinsamen Maifeier wegen Verstoßes gegen das Verbindungsverbot.

17. Juni 1891

Gründung des "Allgemeinen Arbeitervereins für Magdeburg und Umgegend" im Magdeburger Concordia-Theater unter Teilnahme von ca. 1000 Mitgliedern der zuvor verbotenen Stadtteilvereine (mit Ausnahme von Buckau).

Juli 1891

In der nationalliberalen "Magdeburgischen Zeitung" wird der Programmentwurf des Parteivorstandes der Sozialdemokratie diskutiert.

7. Juli 1891

In der ersten Versammlung des AAV Magdeburg in Werners Salon in Magdeburg-Stadtfeld wird der Schlosser Richard Nitsch zum ersten Vorsitzenden gewählt. Anschließend wird über die verstärkte Agitation in Magdeburg und umliegenden Dörfern beraten und schließlich die Bildung einer Gewerkschaftskommission sowie von Diskutierklubs in allen Stadtteilen Magdeburgs beschlossen.

Danach wird eine Resolution zur Unterstützung der Berliner Schuhmacher, die aufgrund ihrer scharfen Kritik an Vollmars Eldorado-Rede einer Kampagne des Parteivorstandes ausgesetzt sind, eingebracht und ausgiebig diskutiert. Die Abstimmung über die Resolution wird vertagt.

13. Juli 1891

In einer großen Volksversammlung in der "Flora" in der Magdeburger Neustadt wird vor 3000 Zuhörern erneut die von Lux am 7. Juli eingebrachte und in der Volksstimme veröffentlichten Resolution zur Unterstützung der Berliner Schuhmacher diskutiert. Es kommt zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern der Opposition und den Anhängern der Bebelschen Richtung. Schließlich wird die Resolution zugunsten der Berliner Schuhmacher, in der das Recht auf freie Meinungsäußerung in der Partei eingefordert wird, mit überwiegender Mehrheit angenommen. [Quelle1] [Quelle2]

20. Juli 1891

Öffentliche Volksversammlung der Buckauer Genossen mit 300 Teilnehmern, auf der sie ihre Stellung zur Taktik der Magdeburger Parteiorganisation beraten. Nachdem Lankau seinen Protest gegen die separate Einberufung dieser Versammlung eingebracht hat, verurteilt Wilhelm Klees die Solidarisierung der Magdeburger Genossen mit den Berliner Schuhmachern und die Haltung der "Volksstimme". Als Lux schließlich eine Resolution einbringt, in der vor der Spaltung der Magdeburger Parteiorganisation gewarnt und die Unrechtmäßigkeit der Versammlung dargelegt wird, wird die Versammlung schließlich vertagt. [Quelle1] [Quelle2]

28. Juli 1891

Fortsetzung der Versammlung vom 20. Juli vor 800 Zuhörern im Choreum. Als ein Antrag eingeht, nur Buckauer Genossen zur Abstimmung zuzulassen, entsteht großer Tumult. Bringmann verwahrt sich gegen die Anschuldigungen der Buckauer, die Magdeburger würden eine anarchistische Taktik verfolgen, gleichzeitig befürwortet er aber, dass in der Sozialdemokratie auch Platz für Anarchisten sei. Den Buckauern wirft er vor, von Anfang an die ihnen nicht genehmen Schultze und Köster aus der Redaktion der Volksstimme haben drängen zu wollen.

Nach etlichen Auseinandersetzungen verließen die Magdeburger Genossen geschlossen die Versammlung. Schließlich wurde eine Resolution angenommen, in der die in Magdeburg vorherrschende Taktik sowie die Haltung der Volksstimme verurteilt wurde, man aber dennoch weiterhin die Volksstimme beziehen wolle.

Anschließend wurde Albert Vater zum Vertrauensmann für Buckau gewählt und damit die Spaltung der Magdeburger Parteiorganisatin endgültig vollzogen. [Quelle]

3. August 1891

Mit einem Referat R. Fischers (Berlin) vor ca. 300 Zuhörern im Buckauer Choreum wurde die Diskussion des Programmentwurfs des Parteivorstandes in Magdeburg eingeleitet. In seiner Rede distanziert sich der Sekretär der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion von einer revolutionären Orientierung und plädiert für "einen ganz friedlichen Weg zur Verwirklichung" des Sozialismus, ohne jedoch eine gewaltsame Wendung ganz auszuschließen.

5. August 1891

Auf einer Versammlung der Magdeburger Genossen in Freddrichs Konzert- und Ballhaus wird die Abspaltung der Buckauer scharf kritisiert und beschlossen, die Wahl eines Vertrauensmannes für Buckau nicht anzuerkennen.

17. und 18. August 1891

Wilhelm Werner spricht in zwei Veranstaltungen im Magdeburger "Eiskeller" und im "Prinz Karl Salon" vor 500 bzw. 400 Zuhörern unter dem Titel "Die nächsten Aufgaben der Sozialdemokratie" zur aktuellen Programmdiskussion und den Positionen der Opposition.

Es wurden eine Resolution angenommen, in der es u.a. heißt, dass der "Parlamentarismus absolut keine Gewähr für durchgreifende Maßnahmen im Interesse des arbeitenden Volkes" biete, stattdessen seien die Wahlen nur "eine willkommene Gelegenheit zur Heerschau über das Anwachsen der sozialdemokratischen Massen." Die gewählten Genossen sollen im Parlament stets "die Endziele der Sozialdemokratie" propagieren. [Quelle]

31. August 1891

Auf der Lassalle-Feier vor ca. 1200 Besuchern in Werners Gesellschaftshaus berichtet Dr. Lux von den Verhandlungen des Brüsseler Kongresses.

12. September 1891

Versammlung der Buckauer Partei im Thalia. In einer "Stellungnahme zum Erfurter Parteitag" wird beschlossen, im Falle einer Entsendung von drei Vertretern der Opposition durch die Magdeburger Partei einen eigenen Delegierten zum Parteitag zu wählen und diesen zu beauftragen, "über die hiesigen Vorfälle Bericht zu erstatten". [Quelle]

15. September 1891

Auf einer öffentliche Volksversammlung werden Albert Auerbach, Adolph Schultze und Max Baetge – allesamt Anhänger der Opposition – als Delegierte für den Erfurter Parteitag gewählt. Der Referent dieser Versammlung, Auerbach hob hervor, "dass es Pflicht der sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten sei, von der Tribüne des Reichstages herab dem Volke zu erklären, dass die Sozialdemokratie den Umsturz wolle, die Endziele müssten unverhüllt und klar zu erkennen gegeben werden."

10. Oktober 1891

Auf einer Versammlung im Buckauer Choreum erklären die 270 Anwesenden, dass sie die Wahl der drei Magdeburger Delegierten nicht anerkennen, sprechen der "bisher befolgte Taktik der Partei" ihr Vertrauen aus und wählen mit Ellguth einen eigenen Delegierten zum Parteitag.

14. bis 20. Oktober 1891

Parteitag der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands in Erfurt. Die Magdeburger Organisation ist reichsweit die einzige, die mit Auerbach, Schultze und Baetge nur Oppositionelle zum Kongress entsandt hat. Die Buckauer Organisation hatte aber – statutenwidrig – einen eigenen Delegierten entsandt.

Vom Kongress wird ein neues Programm angenommen, der Entwurf der Magdeburger wird gar nicht erst zur Diskussion gestellt. Auf dem Parteitag kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen, in deren Folge die oppositionellen Vertreter Berlins (Wildberger, Werner) aus der Partei ausgeschlossen werden. Die Magdeburger Delegierten schließen sich diesen an und verlassen ihrerseits die Partei. Der Vertreter für Neuhaldensleben-Wolmirstedt, Kater, übergibt dem Parteitag die gemeinsame Austrittserklärung der Opposition aufgrund „der den demokratischen Grundsätzen direkt zuwiderlaufenden und geradezu empörenden Bekämpfung von Differenzen seitens der Vorstandsmitglieder Auer, Bebel und Fischer“.
Die Unabhängigen Sozialisten und die Wiedergeburt der anarchistischen Bewegung (1891-1895)

21. Oktober 1891

Auf einer von ca. 2000 Personen besuchten öffentlichen Versammlung im "Hofjäger" kommt es bei der Berichterstattung der Delegierten zu "heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Gemäßigten unter Führung von Klees und den Radikalen." In der Versammlung, die bis in die frühen Morgenstunden andauert, treten mit Bock und Molkenbuhr sowie Werner und Wildberger jeweils zwei auswärtige Vertreter von Fraktion und Opposition auf. Erstere versuchen mit allen Mitteln, die Opposition in Misskredit zu bringen. So wird dem – nicht anwesenden – Redakteur der "Volksstimme", Auerbach, vorgeworfen, Polizeispitzel zu sein und Köster der Unterschlagung von Parteigeldern bezichtigt. Schließlich wurde mit "großer Mehrheit" eine Resolution angenommen, in der das "Vorgehen des Parteivorstandes und der Fraktion als richtig" anerkannt wurden und die Opposition zur Bildung einer eigenen Organisation gedrängt.

11. November 1891

Auf einer von 1250 Personen besuchten öffentlichen Versammlung der Sozialdemokraten Magdeburgs werden – nachdem darauf hingewiesen wurde, dass nur solche Vertreter gewählt werden können, die sich zum neuen Parteiprogramm bekennen – Lankau als neuer Vertrauensmann, Klees als sein Stellvertreter gewählt. Auch die Zeitungskommission zur Überwachung der "Volksstimme" wird im selben Sinne neu besetzt. Damit ist die Spaltung der Magdeburger Parteiorganisation beendet. [Quelle]

30. November 1891 Öffentliche, von Vertretern der Opposition einberufene, Versammlung in Fredderichs Gesellschaftshaus. Das von ihnen vorgeschlagene Versammlungs-Bureau wird von den Versammelten nicht bestätigt – womit klar wurde, dass die Anhänger der Parteileitung die Mehrheit stellte. Es referiert Auerbach laut Ankündigung über „Die Bedeutung der Agitation für die proletarische Bewegung“, hauptsächlich versuchte er das Vorgehen der Opposition zu rechtfertigen, gleichzeitig griff er das der Partei und deren Presse scharf an. Molkenbuhr als Vertreter der Parteileitung hingegen wies – offenbar mit Erfolg – daraufhin, dass die Opposition die Einheit der Bewegung untergrabe. Die abschließende Abstimmung über eine von Vater eingebrachte Resolution, nach der „man der Partei treu bleiben und allen Anfeindungen energisch entgegen [zu] treten“ habe, ergab eine Mehrheit für dieselbe und zeigte deutlich das zugunsten der Parteileitung verschobene Kräfteverhältnis in Magdeburg.

15. Dezember 1891

Gründung der Magdeburger Filiale des "Vereins unabhängiger Sozialisten" in der Bucker Bierhalle. In den provisorischen Vorstand werden der Zimmerer Lauben, der Tischler Stampehl und der Schuhmacher Reinecke gewählt.

4. Januar 1892 Bei der Vorstandswahl des VUS Madgeburg werden Lauben zum Vorsitzenden, Louis Kellner zum Kassierer und Stampehl zum Schriftführer gewählt
17. und 19. Januar 1892 Auf zwei öffentlichen Volksversammlungen des VUS plädiert der Berliner Referent Buhr für eine Positionierung der Unabhängigen abseits von Anarchismus und Sozialdemokratie. Er sieht im „Klassenkampf auf gewerkschaftlichem Gebiete“ den einzig gangbaren Weg des Proletariats.
18. März 1892 Die geplante Märzfeier des VUS Magdeburg findet aufgrund von Differenzen im Vorstand des Vereins nicht statt.
1. Mai 1892 Maifeier der Unabhängigen Sozialisten. Ca. 200 Männer, Frauen und Kinder begehen den Feiertag mit einem Ausflug zum Gasthaus „Neuer Schwan“ und einer öffentlichen Volksversammlung im Concordia-Theater. Dort spricht Schweitzer (Berlin) über „Die Bedeutung des 1. Mai für das Proletariat“. Befürchtungen der Polizei über mögliche Ausschreitungen bewahrheiten sich nicht.
11. Mai 1892

Einstimmige Selbstauflösung des VUS Magdeburg aus „prinzipiellen und taktischen Gründen“. Einerseits seien Vereine keine zweckmäßige Organisationsform für eine „proletarische Massenbewegung“, andererseits befürchtete man eine polizeiliches Schließung, der mit der Selbstauflösung zuvorgekommen werden sollte.

Stattdessen solle „mit Demonstrationen und Volksversammlungen auf die Massen gewirkt und die Bewegung allein durch ein Vertrauensmännersystem, […] repräsentiert werden.“
12. Juli 1892 Eine öffentliche sozialdemokratische Volksversammlung im Kristallpalast mit dem Parteivorsitzenden Singer endet nach einem Schlagabtausch mit dem Berliner Oppositionellen Buhr in tumultartigen und teilweise tätlichen Auseinandersetzungen. Nach Abbruch der Debatte erklärt sich schließlich eine Mehrzahl der Versammelten mit den Ausführungen Singers einverstanden.
24. Juli 1892 Öffentliche Volksversammlung der Unabhängigen im überfüllten Eiskeller mit Buhr (Berlin) zum Thema „Die Taktik der sozialdemokratischen Partei“. Der Redner plädiert gegen den „Staatssozialismus“ der Partei und für eine proletarische Massenbewegung. Auch hier kommt es zu Tumulten seitens „Fraktioneller“, in der Folge löst die Polizei die Versammlung auf.
28. Juli 1892 In einer öffentlichen Versammlung der Unabhängigen mit Werner (Berlin) zum Thema „Staatssozialismus und die sozialdemokratische Partei“, wird der Zimmermann Gustav Muthwill zum neuen Vertrauensmann gewählt.
2. Februar 1893 Öffentliche Volksversammlung der Unabhängigen mit Gustav Landauer (Berlin) zum Thema: „Die Schweizerische Sozialdemokratie – Zukunftsbild der deutschen“. Der Referent zeichnet die „öden Zustände“ in der Schweizerischen Polizei nach und warnt davor, dass sich die hiesige Partei auf dieselben zubewege. Der Parlamentarismus sei grundsätzlich schädlich für die Arbeiterbewegung – Massendemonstrationen würden auf die Bourgeoisie viel größeren Eindruck machen. Auch hier kommt es  zu „großer Erregung“ und heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern der Unabhängigen und der sozialdemokratischen Partei.
21. -22. Mai 1893

Konferenz der Unabhängigen in Magdeburg. 22 Delegierte aus mehreren Städten Deutschlands, darunter Berlin, Magdeburg, Leipzig und Braunschweig, diskutieren ihr Verhältnis zum Anarchismus und die Zukunft des Wochenblattes „Der Sozialist“. Es wird eine Resolution verabschiedet, in der die Redaktion aufgefordert wird, künftig eine tagesaktuellere Ausrichtung und einfachere Schreibweise für die Agitation unter den Proletariern zu pflegen.  Weiterhin wird die Herausgabe eines Flugblattes in hoher Auflage beschlossen, das reichsweit verbreitet werden soll. Zum internationalen sozialistischen Kongress in Zürich im August 1893 sollen drei Delegierte entsandt werden.

Über das Verhältnis zu den Anarchisten konnte keine endgültige Einigung erzielt werden. In der Diskussion plädierte die Mehrzahl gegen eine Umbenennung in „Anarchisten“ (oder auch „Communisten“), da letztlich der Begriff „kommunistischer Anarchismus“ gleichbedeutend mit „Sozialismus“ sei.
15./24. Juni 1893

Bei den Reichstagswahlen siegt der sozialdemokratische Kandidat, Wilhelm Klees, in den Stichwahlen. In der Hauptwahl hatte die hiesige Sozialdemokratie - entgegen dem Reichstrend - 630 Stimmen weniger als bei den Wahlen 1890 erhalten, was die Polizei vor allem auf die „lebhafte Gegenagitation“ der Unabhängigen zurückführte.

22. Juli 1893 Delegiertenwahl der „revolutionären Sozialisten“ für den Internationalen Sozialistischen Arbeiterkongress in Zürich. Nach längerer Debatte wurden Rathmann und Köster (Zürich) für Magdeburg gewählt.
6. bis 12. August 1893 Auf dem Internationalen Sozialistischen Arbeiterkongress in Zürich werden auf Betreiben der Vertreter der deutschen Sozialdemokratie die Delegierten der Unabhängigen und Anarchisten vom Kongress ausgeschlossen. Auch die beiden Magdeburger Delegierten, Rathmann und Köster, sind davon betroffen. Sie nehmen stattdessen an der ad hoc eingerichteten „internationalen Konferenz der revolutionären Sozialisten und Anarchisten“ teil.
28. August 1893 Auf einer öffentlichen sozialdemokratischen Versammlung mit dem Delegierten Albrecht (Halle) zum Züricher Kongress kommt es zu Auseinandersetzungen mit den anwesenden Unabhängigen. Zwar werden in der Resolution die Ausführungen des Referenten gutgeheißen, in der Diskussion jedoch der Ausschluss der Anarchisten von vielen „Fraktionellen“ als Fehler bezeichnet.
10. September 1893 Öffentliche Volksversammlung der unabhängigen Sozialisten im „Deutschen Hof“ in Sudenburg mit Rathmann zum Züricher Kongress. Die Versammlung musste durch Tumulte der Fraktionellen geschlossen werden
7. Oktober 1893 Öffentliche Volksversammlung der unabhängigen Sozialisten im „Dreikaiserbund“ mit Schneidt (Berlin) über „Antisemitismus und Sozialismus“.
20. Oktober 1893 Öffentliche Volksversammlung der Unabhängigen mit Werner (Berlin) zu „Der wirtschaftliche Kampf des Proleatariats“. In seiner Rede fordert Werner die anwesenden Polizisten auf, „ihre Röcke auszuziehen und den Fahnen der Anarchie zu folgen“. Dafür wird Werner später verurteilt.
26. November 1893 Öffentliche Volksversammlung der Unabhängigen mit Spohr (Berlin) zum Austritt aus der Landeskirche. Der Referent übte Kritik an der SPD-Losung „Religion ist Privatsache“ und der Tatsache, dass von 36 sozialdemokratischen Abgeordneten noch 16 in der Kirche seien. Im Anschluss an die Versammlungen melden 50 der Anwesenden ihren Kirchenaustritt an.
18. März 1894 Märzfeier der Unabhängigen mit einer öffentlichen Versammlung, in der ein „hiesiger Führer“ über die Bedeutung des Tages referierte.
13. Mai 1895 Pfingstausflug der Magdeburger Unabhängigen und Anarchisten.
13. Juni 1894 Wiederzulassung der im Mai 1891 vorläufig polizeilich geschlossenen fünf Arbeitervereine und des Fachvereins der Metallindustriearbeiter. Diese Vereine lösten sich zugunsten der inzwischen neugegründeten auf.
18. Juni 1894 Die öffentliche Volksversammlung der Unabhängigen mit Krüger (Hamburg) über „Die heutige Gesellschaft und der Anarchismus“ wird wegen „Aufreizung zu strafbaren Handlungen“ aufgelöst.
10. Juli 1894 In der ersten Versammlung des Arbeiter-Vereins Buckau nach seiner Wiederzulassung versuchen die Unabhängigen und ehemaligen Vorstandsmitglieder Weber und Ritzau, sich des Vereins zu „bemächtigen“ (so der Bericht in der Volksstimme). Sie werden jedoch mit Hilfe von Neuwahlen durch sozialdemokratische Mitglieder ersetzt.
11. Juli 1894 Öffentliche Volksversammlung der Anarchisten mit Krüger (Hamburg) zum Thema „Anarchismus und Sozialdemokratie“.
20. Juli 1894 Haussuchung bei dem Unabhängigen Muthwill. Beschlagnahmung von Schriften und Verhör.
4. November 1894 Auf einer öffentlichen Versammlung der Anarchisten kommt es laut Polizei zu Gewaltandrohungen seitens des Anarchisten Zentes, der – falls er weiter so unterdrückt werde – „ein Exempel statuieren“ wolle.
6. Dezember 1894 Die Regierung bringt die „Umsturzvorlage“ im Reichstag ein. Mit dieser soll die Unterdrückung revolutionärer Bestrebungen erleichtert werden. Mit der ersten Lesung setzt eine Zeit verschärfter Repression gegen Sozialdemokraten und Anarchisten ein. Der „Sozialist“, wie auch seine Korrespondenz, wird regelmäßig beschlagnahmt. In der Folge wird eine regelmäßige Betätigung der Anarchisten unterbunden. Davon sind auch die hiesigen Anarchisten (und Sozialdemokraten) betroffen.
Anfang Januar 1895 Haussuchungen bei einer „großen Anzahl von Anarchisten“ in Magdeburg. Es wurden jedoch keine Exemplare einer verbotenen Ausgabe des „Sozialist“ gefunden.
10. Februar 1895 Haussuchung beim anarchistischen Vertrauensmann, Kayser, nach verbotenen Schriften.
6. August 1895 Selbst-Auflösung des Allgemeinen Arbeiter-Vereins Magdeburg aufgrund schwieriger wirtschaftlicher Lage und anhaltender Repression. Damit hatte die sozialdemokratische Partei in Magdeburg bis Juni 1900 keine Organisation mehr.
26. bis 28. August 1895

Magdeburger Anarchistenprozess. Insgesamt 11 Magdeburger Anarchisten stehen wegen „Geheimbündelei“ und „Anreizung zum Klassenhass“ vor Gericht. Ihr Verteidiger, Dr. Sonnefeld aus Berlin, gelang es durch geschickte Prozessführung (u.a. verlangte er die Vorladung der Gewährsmänner der Polizei, ohne die kein Urteil zu fällen sei), einen Freispruch für die meisten Angeklagten mangels Beweisen zu erwirken. Lediglich ein Angeklagter, der Zimmerer Karl PAUL, wurde zu einer Gefängnisstrafe von 2 Monaten verurteilt.

Dennoch gelingt es den Behörden, der anarchistischen Bewegung Magdeburgs einen deutlichen Schlag zu versetzen, von dem sie sich lange Zeit nicht mehr erholen sollte.