Wie und wo anfangen?

Ein kurzer Leitfaden für Beginner

Am Anfang steht die Frage: was will ich erforschen, welche geschichtlichen Bewegungen, Ereignisse, Zeiträume sind für mich interessant. Vermutlich wird man sich für solche politischen Gruppierungen oder Ereignisse interessieren, in deren Traditionslinie man sich verortet. In diesem Falle ist oft schon die einschlägige Sekundärliteratur, etwa zur Geschichte der jeweiligen Organisation(en) bekannt. Dort kann man sich über deren Presse, lokale Hochburgen, Organisationsarchive usw. informieren. Oft findet man da auch Hinweise, wo man die jeweiligen Zeitungen und Zeitschriften einsehen kann. Wenn nicht, ist z.B. für die anarchistische Tradition die Datenbank des deutschsprachigen Anarchismus (DadA) mit ihrer umfassenden Pressedokumentation anarchistischer Publikationen die erste Adresse. Mit den dort verfügbaren Bestandsinformationen kann man sich die nächstgelegene Bibliothek oder das in Frage kommende Archiv heraussuchen und dort – meist nach einer Voranmeldung – die Zeitungen einsehen. Diese sind üblicherweise verfilmt und mit entsprechenden Lesegeräten ansehbar. Oft kann man dann auch gleich Kopien ziehen, was aber – im Falle der Archive – relativ kostenaufwendig ist (Die Seitenpreise für A4/A5-Kopien bewegen sich zwischen 0,20 und 1,00 Euro.). Kostengünstiger kann man solche Kopien in der regionalen Unibibliothek erstellen, wohin man sich die Filme oft per Fernleihe bestellen kann. Eine – allerdings wiederum kostenaufwändigere – Variante sind Scans/Kopien über entsprechende Kopierdienste des Gemeinsamen Verbundkatalogs (GVK), eines Verbundes für Fernleihe von Büchern und Materialien aus Unibibliotheken Deutschlands und Österreichs.

In den Zeitungen und Zeitschriften finden sich oft Berichte über Ereignisse an Orten, wo die jeweiligen Gruppen aktiv waren, aber auch deren Versammlungsankündigungen und -berichte oder Spenden- bzw. Beitragsabrechnungen. Die Berichte von Treffen sind zwar oft nicht sonderlich informativ (sie geben vielfach nur bürokratische Abläufe wieder), man kann aber in diesen zahlreiche Namen finden. Im Gegensatz zu heute hatte man vor der Nazizeit (und nach dem Ende des Sozialistengesetzes 1878-1890) offenbar weniger Probleme, sich in der Öffentlichkeit zu „outen“. Auch findet man hier Hinweise auf Stammlokale, Büros und sonstige Treffpunkte.

Ein anderer Ansatzpunkt wäre die Erforschung der lokalen ArbeiterInnen- oder sonstigen Bewegungen im Allgemeinen. Einen ersten Überblick hierzu kann man sich verschaffen, wenn man sich die entsprechende Literatur (Bücher, Zeitschriftenartikel, Quellensammlungen usw.) zur Lokalgeschichte der jeweiligen Heimatregion besorgt. Diese findet man i. d. R. in den regionalen Stadt- bzw. Universitätsbibliotheken. Vieles ist auch antiquarisch erhältlich oder aber bei Menschen, die sich in der Vergangenheit damit beschäftigt haben. Im Osten sind das oft Historiker, die z. B. in den jeweiligen Kommissionen zur Erforschung der lokalen Arbeiterbewegung bei den Kreis-/Bezirksleitungen der SED gewirkt haben, zu denen man über die Partei „Die Linke“ und deren Ableger, wie z.B. die Rosa-Luxemburg-Stiftung, in Kontakt treten kann. Die haben zwar oft jede Menge Vorurteile gegenüber linksradikalen Strömungen, sind aber dennoch mitunter bereit, mit Informationen und Hinweisen auszuhelfen. Im Westen hingegen gab/gibt es oft lokale Geschichtswerkstätten, bei denen man jede Menge Veröffentlichungen und sonstige Informationen erlangen kann.

Wenn man sich einen Überblick verschafft hat, kommt die eigentliche Herausforderung – die Suche nach schriftlichen Überlieferungen. Dazu kommen vor allem die staatlichen Archive in Frage (neben einigen wenigen Basisarchiven, wie z.B. dem „Anarchiv“ in Neustadt an der Weinstraße). Diese gab/gibt es in jedem Bundesland – zumeist ein zentrales, üblicherweise in der Hauptstadt, und oft mehrere Ableger in den jeweiligen (ehemaligen) Provinzhauptstädten. Eine Liste dieser Archive in Deutschland findest du hier.

Das deutsche Zentralarchiv ist das heutige Bundesarchiv, in dessen Bestand sich heute auch die Archivalien der Zentralarchive Potsdam und Merseburg befinden. Der Hauptsitz des Bundesarchivs befindet sich in Berlin-Lichterfelde. Dazu kommen natürlich die lokalen Stadt- und Kreisarchive, die ebenfalls einen Besuch wert sind.

Im Gegensatz zu der weitverbreiteten Annahme, zu diesen Archiven hätten nur HistorikerInnen Zutritt, kann selbige jedeR mit einem „berechtigten Interesse“ kostenlos benutzen. Ein solches „berechtigtes Interesse“ stellt z. B. schon die Familienforschung dar. In der Regel muss man sich in den Archiven ein paar Wochen vorher anmelden, manchmal sind die Lesesäle und damit die Anzahl der zur Verfügung stehenden Plätze sehr klein. In den Archiven muss dann ein Benutzerantrag ausgefüllt werden, in dem auch das – zeitlich eingegrenzte – Forschungsvorhaben, ggf. ein Auftraggeber und der Zweck (z.B. eine Veröffentlichung, Studienarbeit …) abgefragt wird. Mitunter ist es hilfreich, wenn man einen „offiziellen“ Auftraggeber und ein Schreiben von diesem hat – etwa eine Uni, eine Bildungsstiftung oder ein Geschichtsverein – , funktionieren sollte das aber auch ohne.

In den Archiven muss man – sofern man nicht schon die gewünschten Signaturen etwa aus der Sekundärliteratur oder Archivführern hat – zunächst erstmal die einschlägigen Findbücher durchforsten. Bei der Auswahl sind meist die Archivangestellten gerne behilflich. Am wichtigsten für unsere Forschungszwecke sind die einschlägigen Polizeiakten, aber auch die der Gewerbeämter (die auch oft Streikberichte enthalten), Gerichte usw. Wenn man erstmal einen Faden gefunden hat, finden sich meist immer wieder neue Hinweise auf weitere Quellen. Einen Besuch im Archiv sollte man immer ausreichend vorbereiten, die Besuchszeiten sind begrenzt und Kopien wie erwähnt teuer (und auch oft mit Wartezeiten bis zu einem halben Jahr verbunden – i. d. R. kann man vor Ort nur die verfilmten Akten selbst kopieren). In den Archiven gibt es gewöhnlich mehrere feste Aushebungszeiten – meist kurz nach Öffnung und dann im 2-3-Stunden-Takt. Man füllt ein Bestellformular aus und hält, sofern man pünktlich war und die Akten sich im selben Haus befinden (das ist durchaus nicht immer der Fall), die gewünschten Archivalien innerhalb einer halben Stunde in den Händen. Auch ist die Anzahl der gleichzeitig auszuleihenden Akten meist auf ca. 10 Stk. begrenzt, daher muss man genau überlegen, welche Akten man nur kursorisch durchforsten will und wo vermutlich ein genaueres Lesen erforderlich ist. Sinnvoll ist da immer eine Kombination von beiden – zumal das Lesen vor allem älterer Akten oft auch sehr anstrengend ist. Bis ca. zum ersten Weltkrieg wurden die Akten fast ausschließlich per Hand und in (alt-)deutscher Schrift geschrieben. (Die ersten Schreibmaschinen tauchen um die Jahrhundertwende auf, wurden aber noch selten eingesetzt.) Man sollte also auf jeden Fall schon vor dem Archivbesuch sich mit dieser Schrift vertraut machen – dazu gibt es einschlägige Bücher, mitunter auch Kurse an der Volkshochschule. Manche Akten sind auch von professionellen SchreiberInnen verfasst worden, deren Schrift meist relativ gut zu lesen ist. Schwieriger wird’s schon beim Versammlungsbericht eines kleinen Schutzpolizisten – deren Schriften sind oft nur sehr schwer zu entziffern. Für solche Fälle sollte man auch immer einen Schriftmusterbogen der zum Zeitpunkt üblichen Handschriften ins Archiv mitnehmen. Im Laufe der Zeit geht das Lesen aber immer besser, auf jeden Fall sollte man aber immer sehr sorgsam sein – und nicht einfach den Inhalt kurzerhand „erraten“.

Generell sinnvoll ist auch die Verwendung von Laptops im Archiv – es ist am besten, wenn alle Zitate, Inhaltsexzerpte usw. immer gleich eingetippt werden. Das Sortieren und Verschlagworten kann man dann in Ruhe zu Hause vornehmen. Man kann dies einfach in eine (oder mehrere) Textdatei(en) schreiben, besser ist aber die Verwendung einer Software für Wissensorganisation und Literaturverwaltung, wie z.B. citavi. Hier kann man einerseits die einschlägige Sekundärliteratur aufnehmen und exzerpieren, ebenso wie zeitgenössische Zeitungen und anderes Schriftgut, andererseits auch die Akten in den Archiven. Die Software stellt dann sehr komfortable Möglichkeiten der Verschlagwortung, Auswertung, Organisation von Informationen und eigenen Gedanken usw. zur Verfügung, mit deren Hilfe man schließlich sehr effizient zur Abfassung der eigenen Veröffentlichung schreiten kann.

Nicht abnehmen kann einem eine solche Software aber das Deuten der Informationen und das Ziehen von Schlussfolgerungen. Man sollte sich stets den Quellen kritisch nähern und immer die Frage im Hinterkopf behalten, welche Interessen die damaligen Autoren verfolgt haben könnten. Das gilt im Falle der Strafverfolger genauso wie bei den politisch Aktiven. Erstere haben mitunter die „bolschewistische“ oder „anarchistische“ Gefahr hochgespielt, wenn es galt, den Beweis für die Notwendigkeit des eigenen Amtes, der Erlangung von neuen Geldern usw. anzutreten, andererseits aber vielleicht verharmlost, wenn das eigene Versagen heruntergespielt werden sollte. Genauso neigten die Aktiven mitunter dazu, in ihren Propagandaschriften die eigene Bedeutung, den Versammlungsbesuch oder die Streikbeteiligung höher einzuschätzen, als sie tatsächlich war.

Was die mündliche Überlieferung angeht, so dürfte ein Gespräch mit einem Zeitzeugen aus der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg heute mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auszuschließen sein. Damit steht uns aber eine sehr wichtige Form der Überlieferung kaum mehr zur Verfügung, so dass man auf die bereits o. g. Quellen beschränkt ist. Möglicherweise haben aber ForscherInnen vor uns solche Zeitzeugeninterviews geführt ‑ fündig wird man da vielleicht in den erwähnten Geschichtswerkstätten. Eine andere Möglichkeit sind Veröffentlichungen von Zeitgenossen, wie z. B. Autobiografien von i. d. R. herausragenden Persönlichkeiten. In diesen findet man oft jede Menge Hinweise auf deren Mitstreiter (wie z. B. in den Memoiren des Anarchosyndikalisten Rudolf Rocker), wie man auch einiges über die Stimmungen in dieser Zeit findet. Gleiches gilt für Briefe, die man i. d. R. im Nachlass von herausragenden Menschen ihrer Zeit findet. Diese befinden sich entweder bei deren Nachkommen, öfter jedoch in entsprechenden Archiven. So findet man z. B. im Archiv der (sozialdemokratischen) Friedrich-Ebert-Stiftung eine Reihe von Nachlässen, ebenso wie im ehemaligen SED-Archiv (heute SAPMO – Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR) oder im Internationalen Institut für Sozialgeschichte (IISH) in Amsterdam.

Wichtig ist auch der Austausch mit anderen HistorikerInnen. Zwar bewacht so mancher studierte Historiker eifersüchtig seine Schätze (da sie damit oft ihren Lebensunterhalt fristen, ist es ihnen auch nicht immer zu verdenken), gerade aber viele der Laien-ForscherInnen geben gerne Auskünfte und auch Materialien weiter. (So auch der Betreiber dieser Seiten …)

Wenn schließlich ein ausreichender Stamm an Quellen erschlossen worden ist, kann man sich an die Aufbereitung machen. Sinnvoll ist es, sich jeweils eine Datenbank (das kann auch eine einfache Word- oder Excel-Tabelle sein) für Personen, Orte und Organisationen anzulegen sowie eine Chronik der relevanten Ereignisse zum Thema. Letztere kann man auch eine lokale und eine überregionale unterteilen. Wenn man sich einen Überblick verschafft hat, kann man dann an die Abfassung des Textes machen.