An die Parteigenossen!

Selbstauflösungserklärung des Zentralwahlkomitees der SAPD infolge des Sozialistengesetzes [1]

Vorwärts Nr. 125, 21.10.1878. Zitiert nach: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hg.): Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Band III: März 1871-April 1898. Berlin 1974, S. 86f

Zum letzten Male treten wir heute als Mitglieder des Zentralwahlkomitees vor Euch hin.

Die Reaktion feiert Triumphe – das Ausnahmegesetz in der Hand, hofft sie alles Gefühl der Zusammengehörigkeit unter den Arbeitern vernichten und die sozialdemokratische Volksbewegung erdrücken zu können.

Sozialdemokratische Vereine sind nicht mehr möglich – sozialdemokratische Ideen werden in die Acht erklärt. Wir haben nicht nötig, die Tragweite dieser Tatsachen darzutun, jeder von Euch weiß, dass er auch ohne Verein Tausende von Genossen hat und dass die Freudenfeuer der Reaktion bald verlöschen werden.

Unablässig und ihres erhabenen Zieles bewusst, hat die Sozialdemokratie bisher für die Gleichberechtigung aller in Staat und Gesellschaft gestrebt. Nichts hat sie irremachen können – keine Verfolgung, kein Attentat warf sie nieder. Jetzt soll sie mundtot gemacht und geknebelt werden, um an Luftmangel und Langeweile zu sterben.

Genossen! Rückt Euch näher. Sucht Freunde, ihr werdet sie finden. Unsere Feinde treiben sie uns zu. Keine laute Propaganda ist erforderlich, jeder Gedankenaustausch, wenn auch in der Form abweichend von der alten Weise, kürzt die Zeit und erhält geistig frisch, sofern er die Ideale des arbeitenden Volkes zum Inhalte hat.

Nicht gewillt, erst die polizeiliche Auslegung des Wortes "Umsturz" abzuwarten, da der alte Begriff Umsturz hinreichend "untergraben" ist, um jede Auslegung desselben zu ermöglichen, haben wir beschlossen, das Zentralwahlkomitee selbst aufzulösen. Mit dem heutigen Tage erfolgt dessen Abmeldung bei der Behörde und ist folglich der Rest einer zentralistischen Parteiorganisation in Deutschland verschwunden.

Wir sind überzeugt, dass Ihr alle diesen Schritt billigen werdet. Viele unter Euch haben vorher davon gewusst und sich damit einverstanden erklärt. Eine zentralistische Organisation gibt es nun nicht mehr, auch mit der planmäßigen Agitation ist es vorbei. Trotzdem wird es an Verfolgungen nicht fehlen – den Opfern derselben widmet Eure Kraft, ihrer gedenkt durch direkte Unterstützungen und Geschenke.

Für Geldsendungen hat das unterzeichnete Komitee keine Verwendung mehr. Man wolle daher nichts mehr an Geib adressieren.

Wenn irgendwo noch eine Parteimitgliedschaft bestehen sollte, so ist dieselbe sofort aufzulösen. Einig in der Taktik auch zur Zeit der Bedrängnis, das ist Gewähr für eine bessere Zukunft!

Hamburg, 19. Oktober 1879

Mit Gruß

G. W. Hartmann, H. Brasch, C. Derossi, A. Geib

Fu├čnoten

[1] Das Zentralwahlkomitee mit Sitz in Hamburg war die damalige Parteileitung der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands. Die Erklärung erfolgte unmittelbar nach Verabschiedung des Sozialistengesetzes, das am 21.10.1878 in Kraft trat.